1. Jamek steht für Wachauer Geschichte. Wie schafft man es, Tradition lebendig zu halten, ohne stehenzubleiben?
Dr. Herwig Jamek: Tradition ist kein Blick zurück, sondern ein Fundament, auf dem jede Generation etwas Eigenes aufbauen kann. Tradition lebendig zu halten, ohne stehenzubleiben, heißt die Identität des Weinguts zu bewahren und gleichzeitig offen für Weiterentwicklung zu bleiben.
2. Was bedeutet ein traditioneller Wein-Stil heute, wenn viele nach Neuem, Wildem und Andersartigem suchen?
H. J.: Ein traditioneller Wachauer Weinstil hat heute möglicherweise gerade deshalb Bedeutung, weil er etwas bietet, das in einer Welt ständiger Neuheiten selten geworden ist: Herkunft, Wiedererkennbarkeit und Kontinuität.
3. Die Wachau ist international stark aufgeladen. Hilft das einem Weingut oder erzeugt es auch Erwartungsdruck?
H. J.: Die Bekanntheit der Wachau ist für uns gleichermaßen Rückenwind und Verpflichtung.
4. Wann ist das Wachauer Terroir eine Stärke und kann es auch zu viel werden?
H. J.: Das Wachauer Terroir ist dann eine besondere Stärke, wenn es dem Wein Herkunft, Charakter und Wiedererkennbarkeit verleiht. Die kargen Urgesteinsböden, die steilen Terrassen, das Zusammenspiel von Donauklima und kühlen Nächten – all das prägt Weine mit einer Eigenständigkeit, die man nicht beliebig kopieren kann. Genau das macht die Wachau international so interessant. Zu viel werden kann Terroir meiner Meinung nach nicht.
5. Wie viel Ruhe braucht ein großer Wachauer Wein?
H. J.: Ein großer Wachauer Wein verlangt häufig Jahre der Flaschenreife und etwas Geduld im Glas, belohnt dies aber mit deutlich mehr Tiefe und Komplexität. Wie viel „Ruhe“ er braucht, hängt aber vom Stil und vom Jahrgang ab. Geduld ist jedenfalls gefragt.
6. Wird Eleganz heute unterschätzt, weil sie leiser ist als Intensität?
H. J.: Manchmal vielleicht ja, aber Eleganz macht einen Wein aus meiner Sicht wertvoll und zeitlos. Viele große Wachauer Rieslinge und Grüne Veltliner zeigen außerdem, dass Eleganz und Intensität keine Gegensätze sein müssen.
7. Wie verändert sich der Blick auf Smaragd, Federspiel und Steinfeder bei jüngeren Gästen?
H. J.: Bei jüngeren Gästen lässt sich oft beobachten, dass die traditionellen Wachauer Kategorien nicht mehr automatisch als Qualitätsrangfolge gesehen werden. Viele jüngere Weingenießer betrachten die Kategorien eher als Stilbeschreibung. Sie fragen zuerst: Was möchte ich heute trinken? und erst danach: Welche Kategorie ist das?
Gerade weil viele junge Gäste nach Finesse, Frische und Trinkfreudigkeit suchen, könnte die Wertschätzung für Steinfeder und Federspiel langfristig sogar steigen. Das ist für die Wachau möglicherweise eine große Chance, weil die Vielfalt der Region stärker sichtbar wird als eine reine Orientierung an Kraft und Konzentration.
8. Muss ein großer Wachauer Wein, der noch jung ist, schon alles zeigen oder darf er sich verschließen?
H. J.: Ein großer Wachauer Wein darf sich verschließen – vielleicht muss er es sogar manchmal. Tatsächlich ist die Erwartung, dass ein Spitzenwein bereits in seiner Jugend alles zeigen müsse, eher ein modernes Verkostungsideal. Gerade Weine aus Spitzenlagen wie Achleiten oder Klaus weisen nicht selten eine gewisse Zurückhaltung in ihrer Jugend auf. Wenn sich ein Wein verschließt, ist das noch lange kein Grund zur Sorge.
9. Was macht einen Wein zeitlos?
H. J.: Zeitlos wird ein Wein nicht dadurch, dass er einem bestimmten Trend voraus ist oder ihn überlebt, sondern auch dann noch überzeugt, wenn die Mode um ihn herum gewechselt hat. Sehr wichtig ist dabei die Balance. Ein zeitloser Wein hat nichts Übertriebenes. Alkohol, Säure, Frucht, und Extrakt stehen in einem guten Verhältnis zueinander.
10. Was sollte man bei Jamek verstehen, ohne nur über Tradition zu sprechen?
H. J.: Beim Weingut Jamek nur von Tradition zu sprechen, greift eigentlich zu kurz. Die Familie hat die moderne Wahrnehmung der Wachau entscheidend mitgeprägt. Jamek steht für eine Vorstellung von Größe, die nicht auf Extreme in der Vinifikation setzt, sondern für Weine mit einer Balance aus Kraft, Reife, Trinkfreude und Herkunftsausdruck bekannt ist. Wenn man also nur „Tradition“ sieht, sieht man die Vergangenheit. Wenn man Jamek als Maßstab für Proportion, Kontinuität und unaufgeregte Größe versteht, erkennt man, warum das Weingut bis heute relevant geblieben ist – nicht als Museum der Wachau, sondern als eine ihrer dauerhaftesten Referenzen – und es ist immer einen Besuch wert.